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Umsatzsteuer bei der verdeckten Gewinnausschüttung
Einführung
Eine verdeckte Gewinnausschüttung i.S.d. § 8 Abs. 3 S. 2 KStG ist eine Vermögensminderung oder verhinderte Vermögensmehrung, die durch das Gesellschaftsverhältnis veranlasst ist [und] sich auf die Höhe des Unterschiedsbetrags i.S.d. § 4 Abs. 1 S. 1 EStG auswirkt […], R 8.5 Abs. 1 KStR. Regelmäßig erfolgt also eine Zuwendung von der Gesellschaft an den Gesellschafter. Neben den bekannten Rechtsfolgen bei der Kapitalgesellschaft und den Anteilseignern (vgl. Grundlagenskript zur Körperschaftsteuer, verdeckte Gewinnausschüttungen) kann die vGA dabei auch umsatzsteuerliche Rechtsfolgen auslösen. Denn unentgeltliche Lieferungen und sonstige Leistungen werden nach § 3 Abs. 1b S. 1 Nr. 1 UStG bzw. § 3 Abs. 9a UStG einer Lieferung bzw. sonstigen Leistung gegen Entgelt gleichgestellt und sind damit steuerbar, weshalb verbilligte/unentgeltliche Leistungen einer Kapitalgesellschaft an ihre Gesellschafter ebenfalls entsprechende Rechtsfolgen auslösen können.
Unentgeltliche Lieferung und sonstige Leistung
Steuerbare Entnahmen oder Verwendungen liegen nur dann vor, wenn die Anschaffungs- oder Herstellungskosten mit Umsatzsteuer belastet waren und der Unternehmer eine Berechtigung zum Vorsteuerabzug hatte (§ 3 Abs. 1b S. 2, Abs. 9a Nr. 1 UStG). Ist dies der Fall und erfolgte eine unentgeltliche Lieferung von der Kapitalgesellschaft an den Gesellschafter, stellt die Zuwendung eine Leistung i.S.d. § 3 Abs. 1b S. 1 Nr. 1 UStG dar. Die Bemessungsgrundlage bei der unentgeltlichen Zuwendung (Lieferung) von Gegenständen ist dabei nach § 10 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 UStG der Einkaufspreis zuzüglich der Nebenkosten für den Gegenstand oder für einen gleichartigen Gegenstand, jeweils zum Zeitpunkt des Umsatzes. Mangelt es an einem Einkaufspreis, sind die Selbstkosten zum Zeitpunkt des Umsatzes heranzuziehen.
Erbringt die Kapitalgesellschaft an ihre Gesellschafter hingegen unentgeltliche sonstige Leistungen, liegt insoweit ein umsatzsteuerlicher Vorgang i.S.d. § 3 Abs. 9a UStG vor. Bestand für die Ausgaben, die bei der Ausführung der Leistung entstanden sind, eine Vorsteuerabzugsberechtigung, stellen die entstandenen Ausgaben gleichzeitig die Bemessungsgrundlage für die Ermittlung der hieraus entstehenden Umsatzsteuer dar (vgl. § 10 Abs. 4 S. 1 Nr. 2 und 3 UStG).
Verbilligte Lieferungen und sonstige Leistungen
Werden Leistungen von der Gesellschaft an den Gesellschafter zwar nicht unentgeltlich, aber verbilligt erbracht, führt der Leistungsaustausch grundsätzlich zu einem umsatzsteuerbaren Vorgang nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG. Die Bemessungsgrundlage für die hieraus entstehende Umsatzsteuer ist dabei grundsätzlich das vereinbarte Entgelt. Da die Leistung aber verbilligt von der Kapitalgesellschaft an ihren Gesellschafter erbracht wurde, ist für die Umsatzbesteuerung zu prüfen, ob die Mindestbemessungsgrundlage des § 10 Abs. 5 S. 1 Nr. 1 UStG i.V.m. § 10 Abs. 4 UStG für die Ermittlung der Umsatzsteuer zugrunde zu legen ist. Die Mindestbemessungsgrundlage ist dabei der Wert für unentgeltliche Leistungen nach § 10 Abs. 4 UStG. Unterschreitet das Entgelt ohne USt die Mindestbemessungsgrundlage, ist diese für die Ermittlung der Umsatzsteuer zugrunde zu legen. Übersteigt das vereinbarte Entgelt hingegen die Mindestbemessungsgrundlage, stellt das Entgelt die maßgebliche Bemessungsgrundlage nach § 10 Abs. 1 S. 1 UStG dar.
Folgen
Führt die vGA zu einem umsatzsteuerbaren Vorgang i.S.d. §§ 1, 3 UStG, ist die Gesellschaft als Steuerschuldner dazu verpflichtet, die Umsatzsteuer abzuführen. In Höhe der Umsatzsteuerverpflichtung entsteht ihr hierdurch ein Aufwand. Die Umsatzsteuer ist dabei grundsätzlich nach § 10 Nr. 2 KStG nicht als Betriebsausgabe abzugsfähig. Insoweit müsste also eine außerbilanzielle Hinzurechnung nach § 10 Nr. 2 KStG vorgenommen werden. Allerdings erfolgt die Hinzurechnung der vGA mit dem gemeinen Wert/der erzielbaren Vergütung, also mit dem Bruttowert, d.h. inkl. Umsatzsteuer. Eine erneute Hinzurechnung nach § 10 Nr. 2 KStG würde somit zu einer ungerechtfertigten, doppelten Hinzurechnung führen.
Aufgrund dessen hat eine Hinzurechnung nach § 10 Nr. 2 KStG zu unterbleiben (vgl. R 8.6 KStR 2022).
Beispiel
Die Sonnenschein-GmbH handelt mit Garten- und Outdoor-Zubehör. Im Rahmen seiner eigenen Gartenrenovierung nimmt der Allein-Gesellschafter-Geschäftsführer Günther Gras eines Abends nach Ladenschluss eine Outdoor-Lounge mit zu sich nach Hause. Die Lounge wird durch die Sonnenschein-GmbH üblicherweise für einen Verkaufspreis von 5.000 € zzgl. 950 € USt veräußert. Die Sonnenschein-GmbH selbst erwirbt die Lounge im Großhandel für einen Preis von 3.000 € zzgl. 570 € USt.
Lösung:
Die Sonnenschein-GmbH wendet die Lounge unentgeltlich ihrem Gesellschafter Günther Gras zu. Die Zuwendung steht nach § 3 Abs. 1b S. 1 Nr. 1 UStG einer Lieferung gegen Entgelt i.S.d. § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG gleich, da die Entnahme für Zwecke außerhalb des Unternehmens erfolgte; die Lounge hat zum vollen Vorsteuerabzug berechtigt (§ 3 Abs. 1b S. 2 UStG). Infolgedessen entsteht Umsatzsteuer, deren Bemessungsgrundlage nach § 10 Abs. 4 S. 1 Nr. 1 und S. 2 UStG zu bestimmen ist. Als Bemessungsgrundlage ist hiernach der Einkaufspreis zzgl. Nebenkosten zugrunde zu legen. Die Umsatzsteuer beträgt somit 3.000 € x 19 % = 570 €.
Die Sonnenschein-GmbH hat den Vorgang umsatzsteuerlich innerbilanziell wie folgt zu erfassen:
| Aufwand | 570 | an | USt-Verbindlichkeit | 570 |
(Hinweis: Nach Inventur ist der Abgang der Lounge darüber hinaus wie folgt zu erfassen:)
| Warenbestandsveränderung | 3.000 | an | Waren | 3.000 |
Innerbilanziell wurde somit ein Aufwand von 3.570 € erfasst.
Für die Körperschaftsteuer-Ermittlung stellt die unentgeltliche Zuwendung hingegen eine verdeckte Gewinnausschüttung i.S.d. § 8 Abs. 3 S. 2 KStG dar. Die Bewertung der vGA hat mit dem gemeinen Wert und damit mit dem üblichen Verkaufspreis von 5.950 € zu erfolgen.
Damit hat außerbilanziell nach § 8 Abs. 3 S. 2 KStG eine Hinzurechnung der vGA mit einem Wert von 5.950 € zu erfolgen. Eine zusätzliche Hinzurechnung der entstandenen Umsatzsteuer nach § 10 Nr. 2 KStG erfolgt nicht, da die Umsatzsteuer andernfalls doppelt erfasst würde (R 8.6 KStR 2022).
Hinweis
Das vorstehende Beispiel zeigt nach Auffassung der Autoren die Rechtsauffassung der Finanzverwaltung. Teilweise wird in der Literatur (s. Lang/Klingebiel in Dötsch/Pung/Möhlenbrock) jedoch auch die Auffassung vertreten, dass die Hinzurechnung der vGA nach § 8 Abs. 3 S. 2 KStG auf den Wert der verhinderten Vermögensmehrung zzgl. der tatsächlichen Vermögensminderung begrenzt ist, weshalb sich im Fall der Besteuerung nach § 10 Abs. 4 UStG (unentgeltliche Wertabgabe bzw. Mindestbemessungsgrundlage) eine geringere Hinzurechnung nach § 8 Abs. 3 S. 2 KStG ergeben kann:
Vorstehend würde sich für die Hinzurechnung nach § 8 Abs. 3 S. 2 KStG also folgende Ermittlung ergeben:
| Gemeiner Wert der Lounge | 5.950 € | |
| ./. | darin enthaltene Umsatzsteuer | 950 € |
| + | tatsächliche Umsatzsteuer-Zahllast | 570 € |
| Hinzurechnung nach § 8 Abs. 3 S. 2 KStG somit | 5.570 € | |
Hinweis: Beim Gesellschafter ist die vGA hingegen auch nach dieser Auffassung mit einem Wert von 5.950 € zu erfassen.
Beispiel
Die Sonnenschein-GmbH handelt mit Garten- und Outdoor-Zubehör. Für seine Gartenrenovierung erwirbt Allein-Gesellschafter-Geschäftsführer Günther Gras von der Sonnenschein-GmbH Outdoor-Lampen für einen Preis von 1.190 € (inkl. USt). Die Sonnenschein-GmbH hatte diese wiederum für 500 € zzgl. USt erworben. Der übliche Verkaufspreis liegt bei 1.428 € brutto.
Lösung:
Da Günther Gras die Outdoor-Lampen (aus im Gesellschaftsverhältnis liegenden Gründen) vergünstigt von der Sonnenschein-GmbH erwerben konnte, ermittelt sich der Wert der vGA aus dem Unterschiedsbetrag zwischen dem gemeinen Wert der Lampen (1.428 €) und dem von Günther Gras gezahlten Entgelt (1.190 €). Die vGA beläuft sich somit auf 238 €.
Umsatzsteuerlich handelt es sich grds. um eine Lieferung i.S.d. § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG, deren Bemessungsgrundlage nach § 10 Abs. 1 S. 1 UStG zu bestimmen ist. Die vergünstigte Veräußerung führt nicht zur Anwendung der Mindestbemessungsgrundlage nach § 10 Abs. 5 S. 1 Nr. 1 i.V.m. Abs. 4 S. 1 Nr. 1 UStG, da der zugrunde zu legende Einkaufspreis der Lampen i.H.v. 500 € das gezahlte Entgelt (ohne Umsatzsteuer) von 1.000 € unterschreitet.
Für die Sonnenschein-GmbH ergeben sich somit folgende Konsequenzen:
| Bank | 1.190 | an | Umsatzerlöse | 1.000 |
| USt | 190 | |||
| Warenbestandsveränderung | 500 | an | Ware | 500 |
(= Wareneinsatz der Sonnenschein-GmbH, i.d.R. ermittelt durch Inventur)
Außerbilanzielle Hinzurechnung i.H.d. verhinderten Vermögensmehrung
| § 8 Abs. 3 S. 2 KStG: | 238 € |